Freshmilk TV about Berlinized

Berlin in den 90ern – Kulturumbrüche

Neben den großen politischen Umbrüchen und der kommerzialisierten Technokultur prägte auch ein heute eher vergessenes Paralleluniversum das Lebensgefühl der Stadt: Die Welt der Kellerbars und Hinterhofkreativen. In den freien Häusern und Wohnungen in Berlin-Mitte zelebrierte nach dem Fall der Mauer eine Szene sehr verschiedener junger Menschen eine unbekümmerte Freiheit. Lucian Busse hat einen Film darüber gemacht und Archivmaterial zusammengetragen.

Experimente und Events in Berlin: Berlinized

Man lebte in Berlin von einem Event zum nächsten Experiment und betrieb die Ent-Etablierung von Kunst und Markt ganz spielerisch während die Freiräume mit immer neuen unpersönlichen Bürogebäuden gefüllt wurden.Unsere Reportage über Berlinized Sexy an Eis taucht ein in diese kreative Welt. In nie gezeigten Archivaufnahmen öffnet der Film, ein lebendiges Fenster in die Vergangenheit.Freshmilk.TV besuchte für euch interessante Locations dieses Zeitgeschehens.

Berlinized: Sexy an Eis

Berlins Tagesspiegel about Berlinized 21.05.2012

Filmemacher Lucian Busse und die Musikerin Sofie Hein
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Georg Moritz, Schlo§str. 28, 12163 Berlin, Tel 0175-2000869

Freunde der Nacht. Kameramann Lucian Busse war in den 90ern stets mit seiner Videokamera in den unzähligen improvisierten Clubs

Eine Zeit, so unbeschreiblich wundervoll

In der Clubdoku „Berlinized – Sexy an Eis“ zeigen Lucian Busse und Sofie Hein die Partyszene der 90er.

von
Ein Anruf brachte alles ins Rollen, Lucian Busse erhielt ihn vor drei Jahren. Am anderen Ende der Leitung war eine Frau, die er nach der Wende beim Feiern kennengelernt hatte. Ihr war eingefallen, dass er, Busse, in den 90er Jahren stets mit einer Videokamera im Berliner Nachtleben unterwegs gewesen war und dabei auch einen ihrer Tanzauftritte auf der Insel der Jugend in Treptow gefilmt hatte. Ob er das Video noch habe und ihr eine Kopie davon zukommen lassen könne, fragte die Frau. Also begab sich Lucian Busse in seinen Keller und kramte die Kisten hervor, in denen er die Kassetten von damals aufbewahrte, 150 waren es insgesamt. Beim Anschauen der alten Aufnahmen, beim Eintauchen in die eigene Vergangenheit kam ihm die Idee, aus dem Material eine Dokumentation über die damalige Zeit zu machen.

Wie aufwendig das sein würde, vermochte der gelernte Cutter und Kameramann zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzuschätzen. Tatsächlich dauerte es Monate, um die Videos am Computer zu digitalisieren, einige Aufnahmen waren in der Zwischenzeit unwiederbringlich beschädigt. Und dann plagten Lucian Busse immer wieder Zweifel. Würde das Material wirklich eine Geschichte hergeben? Sofie Hein, eine langjährige Freundin und Wegbegleiterin, schob diese Bedenken beiseite und motivierte ihn, weiterzumachen. Mit Erfolg. „Berlinized – Sexy an Eis“ heißt der Film, der beim „Achtung Berlin“-Festival im April Premiere feierte und kommenden Donnerstag im Kino Zukunft am Ostkreuz zu sehen ist. Im Anschluss an die Vorführung gibt es noch ein Konzert von Sofie Hein alias Lucyhoneychurch, die den Soundtrack zum Film produziert hat und die Musik live mit Andrew Unruh von den Einstürzenden Neubauten aufführen wird.

Die Dokumentation ist „eine reflektive Zeitreise in das Berlin-Mitte der 90er Jahre“ geworden. Busse porträtiert die Anfänge von Berlins Clubkultur, die teils anarchischen Zustände, die Experimentierfreude und den Tatendrang ihrer einstigen Protagonisten. Zu Wort kommen unter anderem Jim Avignon, Musiker Captain Spacesex und Kim Suckle, Mitglied der Künstlergruppe Honeysuckle Company. Mit ihnen, seinen „Freunden der Nacht“, zog Busse einst durch die Stadt. Er begleitete sie zu Partys, Auftritten und gefakten Modenschauen. Immer dabei: seine Kamera, mit der er Material für seine eigene Videoshow „Alien TV“ sammelte, die er unter anderem im „Eimer“ in der Rosenthaler Straße zeigte. Um „Alien TV“ noch bekannter zu machen, mietete er einst sogar einen Truck für die Loveparade, Sofie Hein nähte ihm zur Verzierung des Lastwagens Aliens aus Stoffresten.

Den alten Aufnahmen setzt Lucian Busse in „Berlinized“ Bilder und Interviews von heute entgegen. So begleitet er etwa die Künstlerin Nina Rhode beim Spaziergang durch die Auguststraße, wo sie einst mit Freunden die „Bügel-Bar“ betrieben hatte, einen kleinen Laden, dekoriert mit in fluoreszierende Farbe getauchten Kleiderbügeln. Das Haus ist heute komplett saniert. Damals, erinnert sich Rhode, habe es keine Tür zur Straße gegeben, so dass die Gäste durch die Fenster einsteigen mussten. Das schmälerte nicht die Beliebtheit der Bar.

In einer anderen Szene sieht man einen Auftritt der Band Mina in der Galerie „Berlintokyo“. Betreiber Vredeber Albrecht war Mitte der 90er Jahre auf die Räume in den Hackeschen Höfen aufmerksam geworden und wollte hier einen Treffpunkt für Menschen schaffen, die sich für Kunst und Musik interessieren. Um dem Ganzen einen internationalen Touch zu verpassen, sollten abwechselnd deutsche und japanische Künstler ausstellen. In der Praxis scheiterte das aber daran, dass der Kontakt zu japanischen Künstlern fehlte. Also griffen die Betreiber und ihre Freunde einfach selbst zu Pinsel und Farbe und gaben sich asiatische Pseudonyme. Das Publikum störte sich daran nicht. Was vielleicht auch am „Sexy an Eis“ lag, einem Drink, dessen Rezeptur Vredeber Albrecht selbst 13 Jahre nach der Schließung der Galerie nicht verraten, den er aber selbst nie getrunken haben will. Immerhin ist der Drink so legendär, dass er nun den Untertitel zu Busses Film liefert.

„Diese Zeit, die wir da erlebt haben, war wirklich so unbeschreiblich wundervoll“, sagt Lucian Busse. 1987 zog der gebürtige Schwabe nach Berlin, mit nichts weiter als einer Tüte voller Anziehsachen und ein bisschen Geld. Pläne habe er damals keine gehabt, er habe sich einfach treiben lassen wollen, erzählt der 46-Jährige. Wahrscheinlich war dieses Sichtreibenlassen nie einfacher als nach dem Mauerfall, als die Hinterhöfe in Mitte noch grau und verfallen waren und Raum für absurde Ideen boten, bei denen es nicht ums Geldverdienen ging. Jim Avignon formuliert es im Film so: „Bis Ende der 90er gab es die Idee einer Karriere gar nicht.“

Er sei sehr glücklich, diese Zeit erlebt zu haben, sagt Lucian Busse. Aber zurück sehne er sich nach ihr nicht. „Ich lebe in der Gegenwart, das ist mein Prinzip.“ Ähnlich sieht das Sofie Hein, die Anfang der 90er Jahre nach Berlin kam, hier Psychologie studierte und nebenbei das Musikmachen für sich entdeckte. „Für mich ist es ein komplett entschwundenes Land“, sagt die 47-Jährige. Wenn sie heute an den Orten vorbeikommt, an denen sie früher mit Freunden gefeiert hat, empfinde sie gar nichts mehr. „Aber das ist auch in Ordnung, die Gegenwart ist eine andere.“ Sie habe nur lange gebraucht, um das zu verstehen.

Kino Zukunft, Laskerstraße 3, Friedrichshain. 24. Mai, 20 Uhr

Lucyhoneychurch

LUCYHONEYCHURCH – Sofie Hein

Sofie Hein, is known as a Composer, Bassist, Programmer, and Singer of the Berlin guitar pop duo  Wagner & Pohl, and has worked for years as a musician and creative partner with Lucian Busse on Alien TV shows, short-fillms, and video clips. With her solo project, Lucyhoneychurch, she composed and produced the soundtrack for “Berlinized-Sexy an Eis”.

The album, Berlinized – longing and belonging, was released on vinyl alongside the film’s premiere in April 2012, with six titles from the filmscore. (Staatsakt/Rough Trade/ Motor Music)

Industrial sounds and scratchy 90’s guitars provided the inspiration for the noises and vocals in the title track . With field recordings of forgotten scrapyards, Lucyhoneychurch generated an array of electronic samples, from uncompromising beats to harmonious tones, and the resulting tracks run the gamut from clubby and poppy, atmospheric to brutal.

Lucyhoneychurch’s live performances are underscored by impressive visuals in the Alien TV style, in appearances both solo and accompanied by various Berliner musicians, such as Andrew Unruh/ percussionist of Einstuerzende Neubauten, or Barbara Wagner/ Britta, and Sebastian Vogel / Kante.


Remix Lost beyond Recall video:

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wagner-und-pohl.com

Kontakt lucyhoneychurch.com Sofie Hein: 0176 – 61 66 29 43, sofie@gmx.info

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LUCYHONEYCHURCH – Sofie Hein

Sofie Hein ist bekannt als Komponistin, Bassistin, Programmiererin und Sängerin des Berliner Gitarrenpop Duos Wagner & Pohl.Mit ihrem Soloprojekt Lucyhoneychurch hat sie den Soundtrack für die Dokumentation „Berlinized – Sexy an Eis“von Lucian Busse produziert. Der Film zeigt die Szene der Hinterhofkreativen und illegalen Bars nach dem Mauerfall in Berlin Mitte.

Zur Premiere erschien das Album Berlinized – longing and belonging auf Vinyl mit sechs Titeln aus dem Filmscores darunter ein Remix des Schweizer Musikers und Radio-Djs Oliver Peter. Geräusche und Stimmungen der Soundtrack-Titel sind inspiriert durch Industrialklänge und krachige Gitarren der 90er Jahre. Aus Soundaufnahmen von vergessenen Schrottplätzen generierte Lucyhoneychurch verschiedenste elektronische Samples, von kompromisslosen Beats bis zu harmonischen Klängen. Die abwechslungsreichen Tracks sind clubbig, poppig, sphärisch und brachial.

Video zum Remix Lost beyond Recall:
Lucyhoneychurch – Lost beyond recall RMX by Oliver Peter

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Kontakt lucyhoneychurch.com Sofie Hein: 0176 – 61 66 29 43, sofie@gmx.info

Berlinized Radio

Taz about Berlinized 21.04.2012

taz.de

Der böse Drink weckt alle Kellergeister

DOKUMENTARFILM „Berlinized. Sexy an Eis“ von Lucian Busse ist ein lakonisches Porträt der Subkultur im Mitte der neunziger Jahre. Orte wie die „Galerie berlin tokyo“, Bands wie Mina und Künstler wie die Honeysuckle Company kommen darin zum Vorschein

VON JULIAN WEBER

Ein Jahr habe er gar kein Tageslicht gesehen, sagt Kim Suckle, Teil der Künstlergruppe Honeysuckle Company in dem Dokumentarfilm „Berlinized. Sexy an Eis“. Dunkelheit und künstliches Licht als Lebensgefühl haben die Kreativität in den Galerien und Clubs im Mitte-Berlin der neunziger Jahre beflügelt. Schon bevor man in die Stadt gezogen war, hatte man von den Orten, Künstlern und Bands gehört. Die Begeisterung hielt an, als man sie mit eigenen Augen sah. Lucian Busses Dokumentarfilm legt vom Selbstverständnis dieser Szene lakonisch Zeugnis ab und weckt Erinnerungen. Honeysuckle Company richteten etwa gefakte Modenschauen aus, mit Altkleidern und humpelnden Manneqins, von Modedesignern waren ihre Entwürfe zuvor abgelehnt worden. Sie waren Teil einer Subkulturszene, deren Rastlosigkeit Legende ist. In der es egal war, ob Leute aus Ost oder West stammten. Wie Honeysuckle Company erfanden sich auch andere KünstlerInnen, etwa Jim Avignon, oder Bands wie Mina und Captain Spacesex nach dem Prinzip des d-i-y in aller Öffentlichkeit. Zwischen „Suicide Club“, „Galerie berlintokyo“ und „Eimer“ organisierte man Ausstellungen und Performances, richtete Konzerte aus und nutzte die damals noch klaffenden städtebaulichen Freiräume für eine stark improvisierte Version von Subkultur.

Kunst und Pop sollten stärker vermischt werden, ein Vorhaben, an dem die Beteiligten auch scheiterten, wie Nina Rhode erklärt, die neben der Honey Suckle Company an der „Galerie berlin tokyo“ beteiligt war. Manche Kunstwerke überlebten die Nächte nicht. „Wir hatten eine strikte Türpolitik“, erklärt der Musiker und Betreiber der Galerie berlintokyo, Vredeber Albrecht, „alle kommen rein“.

Lucian Busse hat mit „Berlinized. Sexy an Eis“ die richtigen Bilder gefunden. Ein längst versunkenes Berlin aus Sperrmüllmöbeln und Spielzeuginstrumenten wird darin wieder sichtbar. Wer sich wundert, weshalb das Neunziger-Jahre-Revival bisher ausfiel, findet in seinem Film Anhaltspunkte.

Keine Nachhaltigkeit

Das Mitte-Berlin von einst erscheint als so stark der Gegenwart verpflichtet, dass für Nachhaltigkeit keine Zeit blieb. In die Zukunft zu schauen, sei aus Prinzip uncool gewesen, erklärt der Regisseur der taz. Das fände er besser als die Angst vor der Zukunft, mit der die Menschen heute in Schach gehalten würden. Allerdings, sein Film macht auch klar, vieles, was die Beteiligten später machten, ließ die chaotische Energie der Anfangstage vermissen.

„Berlinized“ verwendet klassische Stilmittel des Dokumentarfilms. Die Protagonisten erläutern ihre Raison d’être von heute aus. Vor Originalschauplätzen, wie etwa der Bar „Kunst & Technik“, einer Baracke, die bis 1999 gegenüber der Museumsinsel stand, erklärt ihr Gründer Hannes Romberg, wie eine lautstarke Performance des Technokünstlers Carsten Nicolai 1994 die Rattenplage im Gebäude von selbst erledigt hat. Heute befindet sich an gleicher Stelle übrigens eine poshe Strandbar.

Zwischen die Interviews werden Aufnahmen aus den Neunzigern und alte Fotos montiert. Lucian Busse war selbst Teil der Mitte-Szene und tingelte mit der Videoshow „Alien TV“ durch die Clubs. „Wie ein Alien, der zeigt, was die Erdenbürger unbedingt sehen müssen“, sagt er über seine Videoshow. Schon damals habe er ständig „die Gegenwart durch die Kamera ziehen lassen“. Viele Aufnahmen sind halbdunkel, entsprechen dem fahlen Licht der Straßenlaternen und graugewordenen Fassaden. Drinnen in den Clubs zuckende Blitze, Dreck, aber Euphorie. Man sieht eine Stadt im Umbruch, mit Großbaustellen, Kränen und Kabeltrommeln, dazwischen tanzende Künstler in Baugruben. Ein Durcheinander der Stile und Ambientes. Ein Umnutzen von Orten, ein Ändern des Tagesablaufs: Als befänden sie sich auf der Konzertbühne, spielen Captain Space Sex, ein Drummer und ein Gitarrist, auf einem Hausdach neben der S-Bahn-Strecke am Alex. In silberfarbenen Overalls lassen sie den Nahverkehr an sich vorbeigleiten. Die Sonne scheint. „Sexy an Eis“ hieß der Hausdrink in der „Galerie berlin tokyo“, der in einem Kannister reifte. Seine Mischung ist bis heute geheim.

„Berlinized. Sexy an Eis“, Regie: Lucian Busse, Deutschland 2011, 84 Min.
Premiere, heute um 19.00 Uhr beim Festival „Achtung Berlin“ Babylon Mitte. Ab 21.00 Uhr Konzert von Mina im HBC,
ab 28. April läuft der Film im ACUD Kino, ab 6. Mai im Sputnik

In die Zukunft zu schauen war ein No No der Subkultur-Szene. Die Gegenwart überstrahlte alles

 

Vision about Berlinized

+++ „Berlinized – Sexy An Eis“ ist ein neuer Film, der am 21. April im Berliner Babylon seine Premiere feiert. Die Doku beschäftigt sich mit der Musik, Kunst und Kultur von Berlin in den 90er Jahren. Der Schwerpunkt liegt aber nicht auf der technoiden Geschichte Berlins. Gemeinsam mit dem Film erscheint dessen Soundtrack, den Lucyhoneychurch eigens hierfür produziert hat.